2006

Letzte Stunden


(„Little Nemo“ von Winsor McCay, Dezember 1906)

Noch fühlt es sich sehr nach 2006 an. Das Jahr war seltsam, das nächste wird nicht anders, und ich möchte ganz leise die letzte Ziffer umblättern, zusammen mit Winsor McCay und seinem Little Nemo in Slumberland.

Wir sehen und lesen uns hoffentlich nächstes Jahr wieder. Eine wunderbare Silvesternacht Euch allen und ein katerfreies Aufwachen aus dem Land der Träume!

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In den Schatten

Die Arbeiten an meinem nächsten Roman Im Schatten des Flügelschlags gehen weiter. Es hilft, sich mit Nacht zu umgeben, der schwarzen Leinwand der Imagination. Ein Text ist ein Text. Stimmt das? Oder ist nicht jeder Text der Schatten eines Lebens?

Ich habe so wenig Antworten ...


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Eileen

„Das mit dem Schreiben ist ganz einfach“, sagte sie. „Man macht einfach nur Sätze, die einem gefallen, und die anderen lässt man weg.“
Seitdem ich Eileen kannte sprach sie nur davon, dass sie eines Tages eine berühmte Schriftstellerin sein wollte. Mit sechzehn war sie zu Hause ausgezogen und wohnte in einer Wohngemeinschaft. Sie verliebte sich in eine ältere Mitbewohnerin und machte mit ihr ihre ersten sexuellen Erfahrungen. In der Zeit fand sie den Namen Eileen, nach dem Lied von Dexys Midnight Runners, und begann eine schwarze Mütze zu tragen. Nun war sie zwanzig und hatte eine eigene Wohnung mit Waschmaschine und einem blauen Wasserkocher. Die Mütze trug sie immer noch.
„Ich bin nicht lesbisch“, sagte Eileen, „Ich mag nur Frauen lieber als Männer.“
Ich nickte. Wir saßen bei McDonalds, weil sie das Licht dort so mochte. Wir trafen uns einmal die Woche bei McDonalds, sie aß zwei Doppelcheeseburger und eine Apfeltasche, ich einen Big Mac. Sie trank Erdbeermilchshakes und ich einen Liter Kaffee.
„Weißt du, dich mag ich auch. Du hast etwas sehr mädchenhaftes“, sagte sie.
Ich wusste nicht, ob ich mich darüber freuen sollte.
Es war inzwischen kurz nach Mitternacht. Eileen legte ihren Kopf auf die Tischplatte und sah zum Fenster hinaus. Ich folgte ihrem Blick. Es hatte geregnet, und es kam mir vor, als schaue man in ein neonbeleuchtetes Aquarium. Ich legte meinen Kopf ebenfalls auf die Tischplatte.

„Wenn ich mal eine große Schriftstellerin bin, dann ziehe ich in ein großes Haus am Meer. Ich kaufe mir einen Hund, der groß und schwarz ist und den Leuten Angst macht. Ich hätte gern einen Schaukelstuhl und eine Veranda. Da sitze ich dann und schreibe. Ich schmeiße die schlechten Sätze weg und hebe die guten auf, und jedes Jahr gibt es ein neues Buch von mir.“
„Kann ich dich dann besuchen kommen?“ fragte ich.
„Ich würde gern ein Kind von dir haben wollen. Wenn ich eine erfolgreiche Schriftstellerin bin.“
„Aber ich dachte, du magst lieber Frauen?“
„Ja, schon. Aber wenn ich ein Kind haben will, dann von dir. Abgemacht?“
Wir hoben gleichzeitig unsere Köpfe. Ich nahm ihre Hand, drückte sie.
„Versprochen,“ sagte ich.
Sie ließ ihre Hand in meiner liegen, sie kam mir vor wie ein kleiner Vogel, den ich gefangen hatte. Es fing wieder an zu regnen, die Tropfen hafteten an der Scheibe.

Text für den Schreibwettbewerb der Büchereulen, November 2006, Thema „Mädchen“, 1. Platz.

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Leserunde bei Leserunden.de



Es ist bald wieder so weit. Nach der sehr erfolgreichen und einfach wunderbaren Leserunde von „Mein Leben mit Mitsu“ bei den Büchereulen startet am 15. Januar 2007 eine weitere Leserunde auf Leserunden.de. Zu gewinnen gibt es auch etwas: einen von der Illustratorin Iris Luckhaus und mir signierten Kunstdruck aus dem Buch – ein echtes Unikat. Der Anmeldeschluss für Leserunde und Gewinnrunde ist allerdings schon am 5. Januar. Die Chancen für einen Gewinn stehen allerdings gut, denn bisher haben sich nicht allzu viele Leserinnen und Leser angemeldet. Nervös bin ich natürlich trotzdem, und ich freue mich riesig, diese Möglichkeit bekommen zu haben.
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Die Weihnachtshölle (Eine kleine Adventsgeschichte)

„Humbug, alles Humbug“, sagte Michael und trommelte mit den Fingern auf der Theke ein imaginäres Schlagzeugsolo.
„Was ist Humbug?“
„Weihnachten.“
Ich trank einen Schluck Wodka und sah danach ins Glas, in dem sich das Licht der Bardekoration spiegelte. Ich nickte.
„Frauen sind auch schlimm“, sagte Michael, hörte auf zu trommeln und dachte nach.
Ich bestellte ein neues Glas Wodka und nickte, obwohl ich Frauen nicht schlimm fand.
„Aber Weihnachten und Frauen zusammen, das ist die Hölle“, sagte er und fing wieder an zu trommeln.
So langsam verstand ich, was er sagen wollte, und ich fragte „Warum?“
„Lisa will einen Tannenbaum, und ich soll ihn besorgen.“
„Hm, ja.“
„Das heißt, ich bin so gut wie verheiratet.“ Er hörte wieder auf, Lärm zu machen.
„Das wird schon“, sagte ich.
Jetzt kippte Michael den Wodka hinunter und bestellte einen neuen. Für mich gleich mit.
„Was soll ich jetzt machen?“ fragte er.
„Das, was sie sagt.“
„Meinst du wirklich?“
„Nein. Aber alles andere hat keinen Sinn.“
Er überlegte. Er überlegte lange, zum Glück hielt er dabei die Finger still. Ich trank drei Wodka, die Lichterkette verschwamm langsam zu einem Bandwurm, die anderen Gäste sahen schon viel sympathischer aus. Eine etwas ältere Frau mit langen Zöpfen und rosa Bluse am Stehtisch, die gerade in eine Bratwurst biss, wirkte auf mich sogar fast erotisch anziehend. Ich sah wieder in mein Glas und schwor, nächstes Jahr mit dem Saufen aufzuhören.
„Ich glaube, ich tue es“, sagte Michael.
„Was?“
„Sie heiraten.“
„Hilft nichts. Du musst den Tannenbaum trotzdem besorgen.“
Michael sah mich an. Nickte. Begann wieder, Gene Crupa zu imitieren.
„Na gut“, sagte er und legte seine Hände flach auf die Theke, „du hast Recht. Ich besorge also diesen verdammten Tannenbaum, und dann heirate ich sie.“
Ich klopfte ihm auf die Schulter. Er grunzte. Wir stießen noch mal an, dann sah ich kurz hinüber. Die Frau schob den letzten Zipfel der Bratwurst in den Mund und lächelte mich an. Ich prostete ihr zu. Michael hatte Recht. Frauen und Weihnachten, das ist die Hölle. Aber wer will schon den Himmel, wenn es eine solche Hölle gibt?

Diese Geschichte wurde für den Adventskalender der Büchereulen geschrieben und erschien am 5.12.2006. Den Kalender mit vielen wunderbaren Texten lege ich jedem Leser ans weihnachtlich gestimmte Herz. Ich freue mich jedenfalls sehr über die vielen unterschiedlichen Geschichten, Gedichte und Kochrezepten von bekannten und werdenden Autoren.
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Ist Balsamico Essig?

Ein kleines Gespräch zwischen zwei jungen Männern, aufgeschnappt bei Aldi:

„Hol mal den Balsamico.“
„Was ist das. Essig?“
„Na, Balsamico. Keine Ahnung, ob das Essig ist.“
„Weiß oder braun?“
„Braun.“
„Und den haust du auf den Mozzarella drauf?“
„Genau. Schmeckt einfach geil.“

Einfach schön ...

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Mitsu Adventskalender



Auch dieses Jahr ist er wieder online: der wunderschöne Mitsu-Adventskalender. Hm, mir fällt gerade auf, dass er einen Tag „nachhängt“. Nun gut, es hat wahrscheinlich einen tieferen Sinn, dass er mit einem Donnerstag beginnt, und in Mein Leben mit Mitsu steht ja auch: „Ich mag Donnerstage, weil sie so nah am Freitag sind“ ...

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Leserunde mit Andreas Altmann

Zu Andreas Altmann habe ich hier auf dieser Seite schon einiges geschrieben. Im Forum der Büchereulen findet demnächst eine Leserunde mit dem Autor statt, die ich jedem lebendigen Erwachsenen ans pulsierende Herz legen möchte.

Gelesen und diskutiert wird „Getrieben“, das ich nach dem Interview mit ihm geschickt bekommen hatte, mit dem Hinweis, dass dieses Buch erst ab 30 geeignet sei. Ich erinnere mich noch genau - ich befreite das Buch aus der Verpackung, und begann sofort zu lesen. Ich lief die nächsten Stunden lesend durch die Wohnung, ging mit dem Buch ins Bett, lebte mit dem Buch, wie man mit einem Buch überhaupt nur leben kann.

„Getrieben“ ist fast wie eine Lebensbeichte. Ob es um die große Liebe, Impotenz, eine zu rettende Katze, die pflegliche Behandlung von Büchern und ihr teilweise illegaler Erwerb geht - viele kleine Geschichten fügen sich zusammen, man wird durch die Sprache, die teilweise an Henry Miller in seinen besten Zeiten erinnert, fort- und mitgerissen, leidet, lacht, erschrickt mit. Mit Henry Miller teilt Andreas Altmann auch ein tiefes, warmes Verständnis dafür, was Leben tatsächlich bedeutet: sich ganz hineinzubegeben, Risiken einzugehen, zu tricksen, sich zu verlieben, sich aber dabei immer treu zu bleiben.

Ein großes Buch, das viel zu schnell verschlungen ist. Ein Buch, das es schafft, die Welt zu entkleiden, damit man erkennt, wie schön sie nackt ist.

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Besetzungscouch – der Literaturpreis zur Langen LeseNacht 2007

Die Autorin Silke Porath, die übrigens auch ein neues Blog betreibt, lädt zur dritten langen LeseNacht ein – und schreibt hierfür einen Literaturpreis aus. Neben Ruhm, Ehre und Frühstück winkt eine kostenlose Übernachtung für 2 Personen in der pulsierenden Metropole Spaichingen. Die Veranstaltung ist, nach einigen Insider-Berichten, ein absolutes muss und der kulturelle Höhepunkt in dieser Region. Ich freue mich riesig, dabei sein zu können, und bin ziemlich gespannt auf die endgültige Zusammensetzung der „Besetzungscouch“.

Nun zur Ausschreibung:

Zum dritten Mal treffen sich am Samstag, 22. September 2007, Autoren aus dem ganzen Bundesgebiet im Gewerbemuseum Spaichingen – und zum ersten Mal gibt es den Literaturpreis der Langen LeseNacht. Die LeseNacht gilt bei Schriftstellern längst als Institution – Tom Liehr las hier erstmals aus dem damals noch nicht veröffentlichten Roman „Idiotentest“, Silke Porath stellte Fragmente des Romans „Gottes Weber“ vor und Erkan Mete, Newcomer-Autor, wurde nach seinem Auftritt in Spaichingen ein Verlagsvertrag angeboten.
Organisiert wird die Lesung von der in Spaichingen lebenden Autorin Silke Porath. Abseits vom Verlagsbetrieb treffen sich einmal im Jahr Autoren aus ganz Deutschland. Für 2007 haben unter anderem bereits zugesagt: Tom Liehr, Marcel Magis, Stefan Ummenhofer und Alexander Rieckhoff.
Ein Platz auf dem Jugendstilsofa ist noch frei – für den Gewinner des Literaturpreises. Die beste Kurzgeschichte zum Thema „Besetzt!“ ist das Ticket für den Gewinner, um mit den bekannten Autoren aufzutreten und im Saal des Gewerbemuseums seinen Text dem Publikum vorzutragen.
Der Gewinner erhält außerdem eine Übernachtung für 2 Personen (inkl. Frühstück) vom 22. auf 23. September 2007. Eigene Anreise.
Gesucht werden unveröffentlichte Kurzgeschichten. Die Texte dürfen nicht länger als 1000 Wörter sein, gedruckt als Standardseiten (30 Zeilen à 60 Zeichen).
Die Einsendung der Texte erfolgt anonym und in vierfacher Ausfertigung. Auf allen Exemplaren muss ein Kennwort stehen; in einem verschlossenen Umschlag bitte Namen, Adresse, Telefonnummer und Emailadresse beilegen und diesen ebenfalls mit dem Codewort versehen.
Die Texte dürfen nicht geheftet oder eingebunden werden.
Eine Empfangsbestätigung kann nicht versandt werden.


Einsendeschluss ist der 1. Mai 2007 (Datum des Poststempels).

Einsendungen bitte an:
Silke Porath
Schwalbenweg 11
78549 Spaichingen

Die Jury bilden:
Die Spaichinger Autorin Silke Porath
Die Leiterin des Gewerbemuseums Spaichingen, Angelika Feldes
Die Buchhändlerin Christa Hettinga
Der Kunsthistoriker und Journalist Andreas Chr. Braun

Weitere Informationen gibt es hier.

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Leserunde Büchereulen



Wer mich ein wenig kennt weiß, dass das Forum der Büchereulen mein Leib- und Magenforum ist. Am 28.10. gab es in Berlin ein famoses Treffen im Charlottchen, das auch literarisch anspruchsvoll ausgefallen ist. Tom Liehr, Inge Lütt, Jane Sunshine, Marlowe und ich lasen neue und fast neue Texte. Etwas Besonderes war dabei das Debüt von Jane Sunshine, die sich zwischen den schon leseerfahrenen anderen Autoren behauptete und mit Apfelschorle und Tuckenwasser belohnt wurde. Nachdem die Nachwirkungen des Abends über mehrere Tage langsam abklangen, begann auch schon die Leserunde bei den Büchereulen zu „Mein Leben mit Mitsu“ und der inoffiziellen Fortsetzung „Sommer mit Schafen“.

Wie läuft so eine Leserunde ab? Einige Teilnehmer beschließen, ein Buch gleichzeitig zu lesen und zu kommentieren. Bei Beteiligung mit Autor werden diesem im besten Fall Löcher in den Bauch gefragt. Obwohl ich bei den Eulen schon etwas länger mitmische und Mitsu bereits einige gute Kritiken bekommen hatte war ich nicht nur leicht aufgeregt, sondern ein nervliches Wrack, das sich am liebsten in einer Hütte auf Tuvalu versteckt hätte. Was dann geschah übertraf meine schlimmsten Befürchtungen. Ich gehöre zu den Menschen, die mit Kritik ganz gut, aber mit Lob so gut wie gar nicht umgehen können. Natürlich weiß ich, dass nicht ich, sondern Mitsu gemeint ist, aber ein großer Teil von mir steckt in dem Büchlein, ob es nun autobiografisch ist oder nicht (ja, es war die erste Frage).

Den Rest gaben mir dann Doc und Tom mit einer wunderbaren, brillant geschriebenen Leseerfahrung ...

Manchmal werden die Worte, die man hat, ganz klein und unzureichend. Ich sitze hier mit pochendem Herzen, aufgeregt wie ein Teenager, und kann gar nicht viel sagen außer: Danke! Danke ihr Eulen – die Welt hat sich ein Stückchen nach links verschoben ...
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Bye Bye MacGuardians



Die MacGuardians gehörte sicherlich zu den traditionsreichsten und bekanntesten Mac-Seiten im Netz. Meist hohe journalistische Qualität, Erfahrungsberichte aus erster Hand und vor allem keine Links zu Microsoft zeichneten sie aus. Nach einem etwas überdramatischen Countdown in den letzten Tagen wurden die MacGuardians jetzt offiziell eingestellt, Artikellinks laufen ins Leere, und auf der Webseite ist zu lesen: „Es war sehr schön, es hat uns sehr gefreut“. 1999 – 2006. Gründe werden nicht genannt, vielleicht war es ja einfach nur das verflixte siebte Jahr.

Kennen gelernt hatte ich grüne Seite vor ca. fünf Jahren durch einen der Redakteure, Bertram Haller, der uns öfter auf der Byteburg besuchte.
Sehr viel später erschien dort meine erste Kolumne, die ich zuvor heimlich im Forum veröffentlicht hatte, und von dort von einem begeisterten Redakteur auf die Startseite gehievt wurde. Das war, rückblickend betrachtet, die Geburtsstunde von Marc Maus.

Diese erste Kolumne möchte ich hier nachliefern. Und bedanke mich bei den MacGuardians, für die vielen anregenden Diskussionen, den einen oder anderen verdammt guten Artikel, der weit über den Tellerrand eines applezentristischen Weltbildes schwappte, und natürlich die Geburtshilfe bei der Mauswerdung.

Da Energie im Universum nicht verloren geht wird man sich wieder sehen. Ganz bestimmt.

*

„Neue Hardware“ - es gibt kaum einen Satz, der bei einem Nerd oder Geek eine so große Palette an Emotionen auslöst. Neue Hardware impliziert eine neue Art zu Sein, ein Lebensgefühl, eine Leidenschaft, wie sie manche auch für italienische Luxuslimousine und Harley Davidson hegen.

Diese Assoziationen hat man unweigerlich wenn der Verkäufer einem nach wochenlangen Warten das Paket auf den Tresen absetzt, von einem Lächeln begleitet, das der Grinsekatze aus Alice im Wunderland den Neid in die unsichtbaren Fellwangen getrieben hätte. Ein dicker schwarzer Karton steht vor mir, unmöglich groß, unendlich schick. Ich beginne mit zitternden Fingern das Objekt der Begierde zu entkleiden. Schließlich muss es auf Fehler überprüft werden. Und dann beginnt der Akt, der unter Apple-Jüngern längst eine feierliche Zeremonie ist .

Denn Apple beherrscht die Kunst der Verpackung wie kein anderes Unternehmen. Nach dem matt-schwarzen Karton erwartet mich ein schneegleiches, unbeflecktes Weiß, Assoziationen an Bergspitzen, tibetanische Mönche und Schneeleoparden tauchen auf. Dann entdecke ich, gleich einer geheimen Botschaft, den unauffälligen grauen Schriftzug: designed by apple in california.

Unter einer ersten Schicht mit kleinen weißen Teilen, einzeln verpackt, und den tiefschwarzen Panther-CDs lauert das eigentliche Objekt. Es schimmert bescheiden silbern, fast zierlich wirkt es im Gegensatz zum voluminösen Karton. Das ist der Augenblick auf den ich gewartet hatte. Fasziniert, aber auch mit Furcht ( „Bitte lass es perfekt sein“ ), nehme ich es heraus, öffne es vorsichtig – und werde von einem satten Ton begrüßt, den ich schon lange vermisst hatte, ohne es zu wissen.

Der Bildschirm ist hell und strahlt mir entgegen, riesig groß, wie die ganze Welt. Ich weiß, ich bin endlich zu Hause, habe gefunden was ich all die Jahre, Computer nach Computer, gesucht hatte. In diesem Augenblick wird mir klar: ich gebe es nicht mehr her. Nie mehr. Selbst wenn der Lack abblättert und die Scharniere durchbrechen und ich für Jahre in eine dunkle Zelle in einen Dschungel muss und die Wärter mich foltern, um den Aufenthalt des Powerbooks zu erfahren – ich werde es nie verraten.

Aber wie der Flieger im kleinen Prinzen schon feststellte: die meisten Menschen sind mit Zahlen und Daten mehr zu beeindrucken als mit dem Satz „oh, wie schön ist das“ oder „ich liebe sie mehr als mein Leben“. Aber Fakten können es einfach nicht wiedergeben: die eigentliche Schönheit des Designs, das Gefühl, etwas perfekt gestaltetes und durchdachtes Objekt in den Händen zu halten. Das Gefühl, auf einer Tastatur zu schreiben, die sich an die Finger schmiegt und die langsam aufleuchtet. Das weiße Pulsieren im Ruhezustand.

Es gibt Menschen, die sagen Macs sind teuer. Aber wie viel Geld gibt man für Dinge des alltäglichen Lebens aus, die viel weniger wertvoll sind? Wer braucht schon eine Couch, wer ein Bett wer einmal das Vergnügen hat, mit einem PowerBook zusammenzuleben. Ich verstehe es ja, dass PC-User viel Schlaf brauchen und sich von den Unwirtlichkeiten ihrer Hardware und ihres Betriebssystems erholen müssen, aber wer einmal mit einem PowerBook zusammengelebt hat wird feststellen, dass dies alles nicht mehr von Bedeutung ist. Möbel. Teure Autos. Schicke Kleidung. Diskussionen auf Heise. Wie leidenschaftlich war man dabei, sich einzumischen und zu argumentieren, dass die Welt mehr als ein Betriebssystem braucht und Bill Gates die Welt nach seinem Vorbild umformen will. Aber wie tief verletzt in seinem Inneren muss dieser potentielle Weltenlenker sein, dass er mit seinen eigenen Systemen arbeiten muss und das glänzende Vorbild dabei immer vor Augen hat. Man lernt Mitleid zu haben.

Wie Douglas Adams sagte, jeder wird irgendwann ein PowerBook haben. Er wusste, dass sie ein bisschen glücklicher machen, weil immer mehr gutgelaunte Menschen durch das Leben gehen. Man wird Computer nicht mehr mit misstrauischen Blicken begegnen, sondern als Freunde. Wir werden in einer Welt leben, in der Menschen auch Maschinen heiraten dürfen, in der es keine Rassentrennung zwischen Biologie und Mechanik mehr gibt. In der keiner mehr schief angeschaut wird, wenn er oder sie mit einem Powerbook Arm in Arm den Kudamm herunterschlendert, sich fröhlich küssend und tätschelnd und Koseworte zuflüsternd. Wir werden ganz neue frische Kinder haben, die vor Freude hüpfen wenn man sie anklickt. Unsere Haustiere werden über Firewire gefüttert und singen stundenlang glücklich vor sich hin.

Dank Apple wird die Zukunft ganz anders sein als wir immer gedacht haben. Und irgendwann wird jemand in einer Simple Text Datei die Namen Steven Jobs und Steve Wozniak lesen – und vielleicht nicht mehr wissen, wer das war, aber sie irgendwie ungeheuer sympathisch finden.

Marc Maus
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Aufbau & Mao



Montag Abend. Nach einem langen, ereignisreichen Wochenende hatte ich schon in Gedanken meinen nichtvorhandenen Hund nach den imaginären Pantoffeln suchen lassen, als das Telefon mich aus der Dämmerung meines halbwachen Daseins riss.

„Kommst du mit?“
„Wohin?“
„Medienforum.“
„Stimmt, habe ich vergessen. Was ist da?“
„Weiß ich auch nicht mehr.“
„Na gut.“

Ich schickte den Hund los, statt der Pantoffeln mein einziges Paar halbwegs intakter Ausgehschuhe zu holen. Ich wartete, bis mir wieder einfiel, dass das Tier ein Produkt einer durch Übermüdung blühenden Imagination war, und eine halbe Stunde später spazierten wir durch die kalte Berliner Luft Richtung Stilwerk, Kantstraße.

Der Gast entpuppte sich als Bernd F. Lunkewitz, Lichtgestalt des Aufbau-Verlages, der über sich und seine Welt plaudern sollte. Er plauderte. Über den Weg zum Kapitalismus, seine Vergangenheit als Maoist, Streitigkeiten mit Treuhand und wie man ganz einfach ein Vermögen macht (Immobilien), wieder verkleinert (Verleger), und doch noch für eine Schiller-Ausgabe Käufer findet, in dem man das überraschende Prinzip der Subskription aufleben lässt.

Aber vor allem eines war Thema, eine Zahl. 18%. Das ist der Anteil der Buchverkäufe in Ostdeutschland, im Gegensatz zu den 15% anderer Verlage. Nicht viel, für den wichtigsten Ex-DDR-Verlag, und ein Ansporn, mittelfristig auf 15% zu kommen; die möglichen Zuwachsraten werden im Westen erwartet.

Nun ist mir der Aufbau-Verlag bisher besonders positiv aufgefallen, die Verlagspolitik erscheint mir etwas wagemutiger und frischer zu sein als bei den anderen üblichen Verdächtigen. Der Eindruck, der vom Abend trotz Freibiers übrig blieb, war etwas zwiespältiger. Lunkewitz ist eloquent, verweist auf eine politisch engagierte Vergangenheit und eine vielleicht glänzende wirtschaftliche Zukunft, die man vorbehaltlos dem Unternehmen wünscht. Aber eines fehlte: die Bücherseele. Das ist natürlich eine Unterstellung, und vielleicht stimmt es auch nicht. Nur ein Eindruck, den ein Mensch auf dem Podium machte, von dem man ein wenig mehr hätte erfahren wollen.
Etwas von den Leidenschaften, die ihn an- und umtreiben, den Autoren und langen Gesprächen über die Literatur. Vielleicht lag es auch am Ambiente, denn das Stilwerk ist kühl bis ins gläserne Herz.

Wir spazierten wieder in die Nacht hinaus, die leer wirkte wie ein Buch ohne Seiten. Neben mir ein Kläffen. Mein imaginärer Hund lief voraus, dreibeinig, raste um die nächste Ecke und verschwand. Wieder zu Hause schaute ich noch eine lange Zeit aus dem Fenster, gegenüber die blinden Flecken leerer Geschäftsräume, und begann, an nichts mehr zu denken.
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Von den Schwierigkeiten des Lebens und dem Glück, eine Kolumne zu schreiben


(Szene aus Walt Disneys „Robin Hood“ )


Wenn ich gefragt werden würde, wie meine monatliche Marc Maus Kolumne für die MacLife entsteht, dann hätte ich vielleicht einiges zu erzählen. Die Kolumne in diesem Monat beantwortet ein paar dieser ungefragten Fragen, nach dem Ort, den Umständen, der Verzweiflung, dass mein Schreiblokal Messer, Gabeln und Kilkenny von sich gestreckt hat. Fast jede Kolumne hat einen realen Hintergrund. Eine Freundin, die mich anruft und erzählt, dass sie sich beim Nichtstun den Daumen gebrochen hat, kleine Beobachtungen in dunklen Lokalen und deren überraschende Folgen am nächsten Tag (Details folgen an anderer Stelle), eine Nacht im Hamburger Bahnhof im nordisch kalten Warteglaskasten zusammen mit einem schnarchenden Transvestiten, oder einer Begegnung mit dem Finanzamt der alltäglichen Unart.

Und hier liegt das kleine Glück des Schreibenden. Eine Erfahrung kann noch so mies, nervenaufreibend und deprimierend sein – sie taugt wenigstens als Stoff. Sie lässt sich verwandeln. Wenn mein Chefredakteur die nächste Kolumne absegnen sollte, wird sie ungefähr so beginnen wie unten nachzulesen ist. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden oder untoten Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen des Finanzamtes sind rein zufällig, ohne jede Absicht und natürlich rein fiktiv.

Eine Frau, schwarze Haare, strenge Frisur, leuchtete auf meinem Monitor auf. Unter anderen Umständen hätte ich sie vielleicht hübsch gefunden. Jetzt empfand ich sie eher als Bedrohung. In der rechten Ecke am Bildschirmrand stand ihr Name: Gabi Richter, Amt für Lebenszeitberechnung.
„Ist dort Herr Maus?“ fragte sie.
„Ja, bin da.“
„Marc Maus?“
„Genau der.“
„Geboren am 23.10.2010?“
Ich nickte.
„Es tut mir Leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass Ihre Lebensberechtigung abgelaufen ist.“
„Wie bitte?“
„Sie haben vergessen, sie zu verlängern. Sie haben noch ein Jahr zu leben."

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katharina borchert nackt

Heute habe ich entdeckt, dass in der Seitenstatistik für diese Domain auch Suchanfragen von Google & co. gelistet werden (jaja, ich habe mich dafür bisher nicht wirklich interessiert).

Neben unverfänglichen Begriffen wie „Mitternachtssonne“, „Literaturwettbewerbe“ und „Synonym für gepflastert" tauchte auch obiger Suchbegriff auf. Nun gut, den Wunsch, die attraktive und mördererfolgreiche Bloggerkollegin im Evakostüm zu sehen, kann ich ja irgendwo nachvollziehen, zumindest eher als eine „ Frau Hermann nackt“. Obwohl, auch dafür gibt es sicher sexuell unterversorgte Hormonschleudern mit nervösen Klickfingern, die das Eva-Prinzip falsch verstanden haben.

Aber was mich dann richtig erstaunt hat ist das Ranking bei Google: 3. Platz. Nicht, dass ich mich sonderlich dafür interessierte, aber gefreut hat es mich doch. Klammheimlich.


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Haruki Murakami – Blinde Weide, schlafende Frau

Ein neues Buch von Haruki Murakami?

Fast. „Blinde Weide, schlafende Frau“ ist eine kunterbunte Sammlung aus alten und neuen Erzählungen. 24 Stück sind es, die sich auf 400 lesefreundlichen Seiten verteilen. Die Covergestaltung ist, wie bei Dumont gewohnt, ansprechend, ein (wie ich finde bei Kurzgeschichten überflüssiges) Lesebändchen rundet die Ausstattung ab.
Zwei der Geschichten sind schon zuvor auf Deutsch erschienen: „Birthday Girl“ und „Tony Takitani“.

Bei den alten Geschichten merkt man, warum sie bisher nicht den Weg zwischen zwei Buchdeckeln gefunden haben. Sie gehören zu den schwächeren Texten Murakamis (was sie trotzdem immer noch lesenswert macht). Mein Interesse konzentrierte sich dann auch schnell auf die letzten fünf Erzählungen, die in Japan als eigenständiges Buch mit dem Titel „Fünf seltsame Geschichten aus Tokyo“ erschienen sind. Sie knüpfen erzählerisch fast nahtlos an „Nach dem Beben“ an. Stilistisch hat sich Murakami weiter entwickelt. Seine Sprache wirkt distanzierter, geklärter, der Fokus ist genauer auf die Geschichte gelegt. Gleichzeitig verschwindet aber etwas, die Murakami-Magie entfaltet sich nur selten – vor allem in „Der Zufallsreisende“ und dem hinreissenden „Der Affe von Shinagawa“.

Insgesamt bleibt ein zwiespältiger Eindruck, ähnlich wie in der letzten Erzählung „Afterdark“, die vom Verlag etwas großspurig als Roman angeboten wird.

Für Leserinnen, die alles von Murakami verschlingen, ist „Blinde Weide, schlafende Frauen“ trotzdem eine Empfehlung wert, gerade wegen der letzten Erzählungen, die den Kosmos des Autors sanft erweitern.
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Auf nach Afrika (Schreibwettbewerb)

Ein ganz besonderer Schreibwettbewerb ist seit heute auf der Webseite von Andreas Altmann zu finden. Zu gewinnen sind ein Reportage-Workshop sowie eine dreiwöchige Afrikareise. Andreas Altmann begleitet nicht nur auf dem Weg in ein vielleicht neues Schreibleben, sondern sitzt auch in der Jury. Nicht nur deshalb weise ich gern auf das Interview weiter unten mit ihm hin.

Tchibo Privat Kaffee schreibt zusammen mit dem Verlag Frederking & Thaler und der Zeitschrift Maxi ab dem 7.9.2006 einen Literaturwettbewerb unter dem Motto „Unterwegs in Afrika“ aus. Jeder (ab 18) kann teilnehmen und hat bis Ende Oktober 2006 Zeit, eine Geschichte unter dem Leitmotiv „So fern, so nah“ einzureichen. Die drei besten Storys werden von einer unabhängigen Jury ausgewählt und die Schreiber zu einem dreitägigen Reportage-Workshop auf die Insel Sansibar eingeladen. Und anschließend zu einer dreiwöchigen Fahrt durch Afrika. Die originellste Reportage über diese Reise wird wiederum von der Jury bestimmt und in Maxi veröffentlicht.
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Ich-Form

Im Augenblick „toben“ einige Diskussionen durch Literaturforen, welche die „Ich-Form“ zur Disposition stellen. Teilweise erschreckende Ansichten sind zu lesen, Teile der (auch aktuellen) Literaturgeschichte werden zu Gunsten eines Unterhaltungsbetriebes vom Tisch gewischt (Zitat: „Hemingway interessiert mich nicht“.)

Und einige Schreibende merken an, dass die „Ich-Form“ schwierig wäre.

Nun ja. Es ist nicht Sinn der Literatur, den einfachsten Weg zu wählen. Den einfachsten Weg versuchen die Schreibratgeber natürlich aufzuzeigen, und der Markt wird im Augenblick von einer Literatur überschwemmt, die zumindest mir auswechselbar und konformistisch erscheint - lebloses Handwerk.

Der Literaturbetrieb, so weit er eine "höhere Literatur" propagiert, gräbt dagegen inzwischen eine "alte Avantgarde" wie Bodo Hell aus (den ich mag), der noch für den Typ des genialischen und authentischen Künstlers steht.

Aber was ist das Ich? Ich komme zur Frage der Identität. Kein Autor kann heute so naiv sein, das Ich (das tatsächliche Ich) nicht als Konstruktion, als gewollte Fiktion, zu betrachten. Das überträgt sich auch in die Autobiografie, die entsprechend gestaltet (erfunden) ist. Ein hervorragendes aktuelles Beispiel ist z. B. Alban Nikolai Herbst.

Die Ich-Form hängt unmittelbar mit dem eigenen Leben zusammen. In der Weise, dass man auch bereit ist, das Leben nicht nach Vorgaben zu gestalten, sondern neu und eigen zu erfinden.

Wer schreibt befindet sich im Auge des Sturms, in dem alles in Frage gestellt ist ...
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Wuppertal, Geburtsstunde eines neuen Verlages

Am Samstag war es so weit: Die Verlegerin Tanja Heinze lud zum nullten Verlagsgeburstag ihres Kindes „Oktara“ ein, und fast alle kamen. Christian Arzberger vom Brandneu-Verlag, zukünftige Autoren, Lektor, die Covergestalterin Tanja Förster, Logogestalter, Satzexperten, Journalisten und viel Familie. Aber vor allem kam einer: Hannes Oberlindober, der in diesem Kreis sein Buch „Das Mandat des Kammerjägers“ vorstellte, das bald offiziell erhältlich sein wird. Da die restlichen ca. 5,9 Milliarden Menschen auf diesem Planeten nicht in den Genuss dieser Lesung kommen konnten, gibt es auf der Verlagsseite eine Hörprobe, die ich ausdrücklich und hintergründig empfehle.

Nun ist Hannes Oberlindober ein alter Bekannter – ich „entdeckte“ ihn vor gefühlten hundert Jahren auf einer News-Liste, bat ihn, einen Artikel für unsere Seite „Angel & Vampires“ übernehmen zu dürfen, und veröffentlichte ihn dort auch weiter. Und so schließen sich wieder Kreise, eine neue Generation ist am Start, während Grass & co. noch um alte Medienpräsenz mit teilweise erschreckenden Marketingtricks kämpfen.

Kein Krebsgang, sondern ein Sprint zur neuen Literatur, entstaubt, politisch, wortgewandt und authentisch. Hannes, ich drücke dir sämtliche Daumen und einen durch deine Qualität verdienten Medienrummel!

Disclaimer: Ich bitte alle namentlich nicht genannten um Entschuldigung: das Verlagsfest war rauschend, die Erinnerungslücken anschließend groß ... Ich liebe Euch alle!

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Der Bär auf meinem Bauch



Es ist rosa, hat ca. 150 Seiten, und ist das erste Buch der Autorin Silke Porath (Gottes Weber), das nun in der zweiten Auflage vorliegt.
Erzählt wird die Geschichte von Stefanie, die in einer Patchworkfamilie aufwächst: im Präsenz, in Ich-Form, aus „Kindersicht“. Das sind drei Sünden auf einmal, und der Beweis dafür, dass (Schreib)Regeln dazu da sind, gebrochen zu werden. „Der Bär auf meinem Bauch“ ist, heute selten genug, kein Genreroman, auch keine Hochliteratur, sondern etwas ganz Eigenes.

Genau so wie die Familie im Buch „zusammengewürfelt“ ist, so fügt sich auch die Geschichte aus kleinen Absätzen und Erzählungen zusammen. Stefanie möchte später schreiben, sie sammelt hierfür Worte, notiert sie, überlegt, wie viel jedes Wort wohl wert wäre, und „ob man für große Dinge größere Beträge“ kassiert. Der Brockhaus ist dabei unverzichtbar.

Und so folgt man kleinen Episoden, dem Alltag, kleinen Beobachtungen und manchem wunderbaren Satz. Ein Buch zum gern haben und behalten.

Erhältlich ist „Der Bär auf meinem Bauch“ im Gipfelbuch-Verlag.

Sechs Fragen an Silke Porath sind hier zu finden.
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Sechs Fragen an Silke Porath



Hallo Silke, „Der Bär auf meinem Bauch“ ist auch ein Buch über das Sammeln von Wörtern und über das Schreiben.
Hast du selbst Wörter gesammelt?
Noch mehr Text
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Aufruf zum Bacardi-Boykott

„Patrick Ricard signalisierte sofort Kampfbereitschaft. Ja, der Chef des weltweit zweitgrößten Spirituosenkonzerns Pernod Ricard wolle sich mit voller Wucht in einen neuen Handelskrieg mit Bacardi und den USA stürzen. Denn so ein Zufall: Noch hat Kubas Langzeit-Diktator Fidel Castro das Zeitliche nicht gesegnet, da entschied das US-Patentamt mit freundlicher Unterstützung von Präsidentenbruder Jeb Bush einen seit zehn Jahren währenden Rechtsstreit zugunsten von Bacardi“

Artikel auf jetzt.de

Rumkenner haben schon immer etwas verächtlich auf Bacardi-Lemminge hinabgesehen. Nun gibt es einen weiteren Grund, einen großen Bogen um diese Marke zu machen: die von manchen als imperalistisch bezeichneten USA hatten ein Urteil im Bus(c)h, das die Marke „Havana Club Rum“ Bacardi zuspricht – womit dieser Rum auch endlich in den Vereinigten Staaten von Amerika als Name verfügbar ist, denn drin steckt natürlich weiter die Rumnachahmung Bacardi. In anderen Ländern will man jetzt auch versuchen, die Marke zu entern. Auch eine Form der Produktpiraterie.

Um es kurz zu machen: ich rufe offiziell zum Bacardi-Boykott auf, schon rein aus geschmacklichen Gründen, und die politischen Aneignungsversuche sind eine willkommene Unterstützung, damit uns auch weiter der echte Rum in Delirien führen möge: der kubanische Havana Club Rum.

Darauf einen Daiquiri!
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Iranisches Sprichwort

„Zwei Dinge sind Merkmale der Dummheit: Schweigen, wenn man reden soll, und reden, wenn man schweigen soll.“

Quelle: Wikipedia
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Reise in das Herz der Geschichten

Andreas Altmann ist anders. Da ist ein Mensch, der reist mit seinem Mac durch die ganze Wirklichkeit, um für uns Geschichten und Erlebnisse zu sammeln. Nicht um uns wie Scheherazade, der berühmte Erzählerin der 1001 Nächte, an einem Ort festzuhalten, sondern den Leser in die Welt zu locken. Den ersten Schritt zu machen in das Abenteuer Leben. Er nimmt den Zug durch Indien, besucht heilige und verruchte Orte, sammelt Geschichten und kehrt mit zahllosen Fragmenten zurück: Texte, Erinnerungen, Gespräche, Notizen. Material, aus denen er seine Bücher webt. Wie zum Beispiel die Reise zu Fuß von Paris nach Berlin, ohne Geld.
Andreas Altmann ist jemand, der sich aufmacht um seine Geschichten zu erleben.
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Giraffen

Ich hatte die Fenster mit einem schwarzen Bettlaken verhängt, doch an der linken Seite schlich sich die Morgensonne in mein Zimmer und blendete mich.

„Giraffen“, dachte ich. Es war mein erster Gedanke an diesem frischen Tag. Ich war schon seit einem Jahr in Berlin, doch ich kannte immer noch niemanden hier. Die Stadt war voll mit Menschen, mit denen ich nichts zu tun hatte, und die nichts mit mir zu tun hatten.

Im Zoo haben sie welche. Giraffen. Auch Elefanten, Lemuren und jede Menge Vögel. Den einen oder anderen Papageien. Ich mochte sie nicht. Es klingt vielleicht seltsam, aber ich habe Angst vor Vögeln. Vor allem vor Papageien. Man weiß nie, was sie denken, und dabei reden sie auch noch. So ähnlich wie Frauen. Es ist schon lange her, dass ich mit einer Frau zusammen war, damals, auf Island. Sie mochte Schafe, und sie wurde schwanger. Aber bevor sie unser Kind bekam, ging sie nach Amerika. Damals beschloss ich, nur noch Sachen aus der Dose zu essen. Wenigstens da kann man sicher sein, dass das, was drin ist, auch wirklich tot ist.

Seitdem ich in Berlin bin, gehe ich jeden Tag in den Zoo. Ich schaue mir die Elefanten an und hasse sie. Danach gehe ich zu den Lemuren und hasse sie ebenfalls. Am Schluss bin ich bei den Giraffen, und die hasse ich nicht. Oft stelle ich mir vor, wie es wäre, eine Giraffe zu sein, den Hals zu recken und den ganzen Tag den Kopf in die Luft zu halten. Aber ich betrachte vor allem ihre Beine. Als Giraffenjockey muss man das einschätzen können, wie schnell sie rennen, und Giraffen rennen sehr, sehr schnell. Tatsächlich bin ich noch nie geritten, aber für einen Pferdejockey bin ich zu groß. Und außerdem hasse ich Pferde.

Wenn ich in mein Zimmer zurückkomme, schaue ich an die Wand, auf die ich mit einem schwarzen Filzstift die Landkarte von Afrika gemalt habe. Überall, wo es Giraffen gibt, stecken Markierungen in der Wand. Und dann stelle ich mir vor, wie ich mit anderen Jockeys am 1. afrikanischen Giraffenrennen teilnehme. Ich werde der einzige Weiße sein, und alle werden mich auslachen, vor allem die Frauen. Die lachen immer. Aber am Ende werde ich alle überraschen und gewinnen, und die hübscheste der Frauen, eine mit einem irrsinnig langen Hals, wird ihre Arme um mich schlingen und Kinder von mir haben wollen. Wir werden im Busch leben, Giraffenbabys großziehen und natürlich unsere eigenen Babys, von denen wir jedes Jahr ein neues haben werden. Und aus den ganzen leeren Dosen werden wir uns ein prachtvolles Häuschen bauen, das unter der afrikanischen Sonne funkelt und glänzt.

„Giraffen sind gut“, sagte ich laut und stand auf.


Text für den Schreibwettbewerb der Büchereulen, Juni 2006, Thema „Sport“, 1. Platz
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Zugfahrt

Sie sitzt, die Schenkel leicht geöffnet und nackt, zurückgelehnt. Wärme ersetzt das Tuch, die Luft ist Stoff genug.

Wenn ich in das Gesicht der schlafenden Frau gegenüber sehe, ihren Lippen folge, die leicht nach vorne gestülpt sind, zwischen ihnen ein Spalt, dann werde ich friedlich. Ich muss nichts tun, darf weich sein, ganz Blick. Ich stelle mir vor, die Luft zu sein, die sie einatmet. Dass ich es wäre, der sie erhitzte, die Ursache des leichten Schweißfilmes auf ihrer Haut. Ich betrachte die blonden Härchen auf ihren Oberschenkeln, die aufgerichtet sind. Es wird wärmer. Sie öffnet ihre Augen, sieht mich an, ein Moment, der sich dehnt, ausweitet. Ein Fenster wird geöffnet, der Fahrtwind kühlt kaum, sie schließt ihre Augen wieder, und ich bin sicher, sie träumt jetzt einen ähnlichen Traum wie ich, einen Traum aus Berührungen.

Ein Geräusch, wie wenn Papier reißt. Ich schaue nach draußen, ausgezogene Bäume, deren Äste die Zeichen einer unbekannten Schrift sind, Laufschrift, Fahrtschrift, sie wird spärlicher, die Leerräume füllen sich mit Wüstensand, die Schienen führen in ein Meer aus Sand. Als es dunkler wird und die Innenbeleuchtung sanftes Licht streut beginnen die Fenster zu spiegeln, und im Fenster hängt ihr Lächeln in der Luft, ein Lächeln aus geschwollenen Lippen, der Spalt zwischen den Lippen ein dunkles Loch, in das ich hineinschaue, um die Lust der Nacht zu begreifen.

Ich möchte etwas sagen, aber habe Angst, dass ihr Lächeln sich dann auflöst, und mit dem Lächeln sie.

Wieder das Geräusch. Am Horizont brennen Ölfelder, oder nur der neue Tag, der beginnt, gegen einen Himmel aus Rauch zu kämpfen.

Ich weiß nicht, was passiert. Um mich herum liegen Zeitungsfetzen, die Schatten der Dinge, die geschehen sind, und ein verschwommenes Bild von dem, was sein wird.

Sie trinkt einen Schluck Wasser.

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Imagination vs. NLP

Mütter sind etwas ganz wunderbares, um alte gedruckte Medien wieder zu entdecken. In diesem Fall eine Ausgabe des „Spiegels“, der überraschenderweise noch immer neben dem allseits unbeliebten Online-Auftritts auch eine Papierausgabe unterhält. Das Titelblatt versprach neue Erkenntnisse über die menschliche Intuition, in einem Kasten vertieft „Emotionen sind das neue Lieblingsthema der Denker“, nämlich seit Nietzsche mit seinem „Hammersatz“ (so steht das da) „Gedanken sind die Schatten unserer Empfindungen – immer dunkler, leerer und einfacher als diese“.

Um es kurz zu machen: so ziemlich alles, was in dem Artikel an „neuen“ Erkenntnissen präsentiert wird, hat man schon gewusst, oder zumindest intuitiv erahnt. Bis auf eine Kleinigkeit, die ich jetzt besser fassen kann. Und allein deshalb hat sich die Beschäftigung mit den 12 Seiten vielleicht doch gelohnt. Unbewusst wusste ich es schon immer: an NLP, der neurolinguistischen Programmierung, stimmt etwas nicht. Spätestens seitdem eine Kreativitätstrainerin versuchte, einem Haufen leidlich neurotischer Kunstschaffender (was liebevoll gemeint ist) die Feinheiten der Kreativität zu vermitteln. Ich war auch dabei, denn ich war neugierig, nachdem ich ein Jahr zuvor in einer Hotellobby mit Edward de Bono sinnlos rumgealbert hatte.

Nun saßen wir mit dieser „Kreativitätsmanagerin“ an einem Tisch und mussten (durften) zu Beginn Karten ausfüllen, auf die wir unsere Definition von Kreativität hinterlassen sollten. Sie nahm die ausgefüllten Karten an sich, schaute sie kurz an, schüttelte den Kopf, und steckte die Zettel weg. Erster Fehler. Der zweite Fehler: sie versuchte uns, den „neurotischen Künstlern“, zu erklären, was Kreativität wirklich ist. Danach war Stille. Und wenig später drehte sich die Lehrsituation um. Zumindest hätte sie viel lernen können, aber erstmal programmiert, ist es aus mit der Lernfähigkeit, und ihr Versuch, NLP, Kreatvität und Künstler zu verbinden, misslang auf groteske Weise. Im Spiegelartikel steht warum: das Unbewusste weiß mehr, besser und schneller, und der Versuch der NLP, über das Bewusstsein Einfluss zu nehmen, erzeugt einen Tunnel. Enge. Verzweiflung. Die Verbindung zum „tiefen Wissen“, der Intuition, wird zugunsten eines „sei glücklich“-Programms unterbrochen.

Nun ja, intuitiv hatte ich das schon immer geahnt, und nach dem Artikel weiß ich, dass ich auf meinen Bauch hören darf: NLP ist Böse.

Nachtrag: Einen (etwas bekannteren) Hammersatz von Nietzsche möchte ich noch nachreichen: „Ich sage euch: man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Ich sage euch: ihr habt noch Chaos in euch."
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Kai Krause über Douglas Adams

Ein Teegespräch

(Zuerst erschienen in der MacNewsPaper)

Nicht nur eine Vorliebe für Tee, auch einige andere bemerkenswerte Gemeinsamkeiten verbanden Kai Krause und Douglas Adams. Eine Freundschaft und ein gemeinsames Entdecken von Dingen, die „cool“ sind. Ich kann mir jedenfalls sehr gut lange, nächtliche Gespräche zwischen den beiden Menschen vorstellen, die das Universum neu erfinden indem sie auf der kleinen Murmel Erde fantastische Geheimnisse entdecken. Es ist eine Freundschaft gewesen, die eher still und ruhig war – die großen gemeinsamen Projekte sollten erst gemacht werden. Es tut weh, wenn man daran denkt, was an Humor und großer Imagination mit Douglas Adams verloren ging. Und als DNA starb war es auch tatsächlich Kai Krause, von dem ich die Nachricht per Mail wenige Stunden später erfuhr. Auf www.douglasadams.com füllte sich in Minutenschnelle das Forum mit Beileidsbekundungen und ist heute ein Protokoll der Anteilnahme und des Schocks, den wir gespürt hatten – ob man Douglas persönlich kannte, oder „nur“ aus seinen Büchern, die, wie jede gute Literatur, uns zu Vertrauten machten.

Für den vorherigen Teil der Artikelserie über DNA stellte ich Kai einige Fragen, das heißt, ich hatte einige vorbereitet, denn letztlich wurde es nur eine einzige Frage, und eine lange, persönliche Antwort, die ich unverändert übernehmen will.

Kai, wie hast Du Douglas Adams kennen gelernt?

Kai: 1992 hatte er KPT 1 gleich gefunden und mich dafür aus London angerufen. Wie nett …
Allerdings wusste die Sekretärin bei Meta nicht, wer das sein soll, und hatte ihn als „etwas komisch“ zur Seite gelegt. Da hab ich aber nun doch geschimpft. Es war auch nicht das letzte Mal, dass man mich mit so schönen Dingen „nicht belästigen“ wollte. Er schickte dann seine Schwester nach New York, wo ich auftrat, und kurz danach waren wir bei ihm in seinem Haus in Duncan Terrace in Islington, ganz niedlich so 5 Stockwerke vertikal, er ganz oben unter dem Dach mit den Macs. Er war dann später Alpha und Beta Tester für Bryce und KPTs, Amazon und Live Picture. Ich kam eine Weile alle paar Monate in die UK, und immer mit kleinen neuen toys.
Er hatte im Wohnzimmer auch gut 50 Gitarren, alles linkshändig bis auf eine, die war für Dave Gilmour von Pink Floyd. Jedes Jahr um Weihnachten gab es ein Festsingen und ein kleines Konzert, das letzte war die Original Procol Harum mit Dave und Douglas on guitar, die dann Whiter Shade of Pale sangen. Das Publikum war eine wunderbare bunte Mischung der englischen Comedy Szene.
Schön war aber auch sein kleines Landhaus in Aix en Provence, mit Weinreben gleich vor der Tür. Er konnte immer gut eine Flasche Rotwein wegstecken, und dazu auch einen Champagner. Sein Lieblingswein wurde auch meiner: Hermitage Grange Penfolds, inzwischen sinnlos überteuert. Wir haben oft im ’Groucho Club’ gesessen oder im ’Ivy’ und die kleinere Variante „Bin 707“ davor gerettet, von Leuten getrunken zu werden, die dafür nicht wirklich einen Sinn haben. Da mochte er auch viel mehr als Tee.   
Ich habe Fluten von Erinnerungen über die 10 Jahre hinweg, und oft bekomme ich noch so kleine Schuddersekunden… Szenen aus Tokyo oder Paris, seine Besuche hier in der kleinen Burg, aber auch Obskures: wir waren eine Woche in Alaska mit einer bunt gemischten Gruppe, und da saß z. B. James Cameron (der Titanic Regisseur) vorne am Bug mit ihm, und sie riefen laut „Eisberg, Eisberg!“
Wir haben uns auch gerne in den Buchläden in London stundenlang rumgetrieben und sind mit Stapeln kleiner Schätze dann nach Hause gedackelt.
Es sprengt wohl den Rahmen hier ein wenig, tief in die ganzen Themen einzudringen. Schade, ist wohl immer so…

Oft waren wir auch auf der Bühne zusammen, ich lud ihn viele Male in die Keynotes ein, die z. B. bei den MacWorlds in San Franzisco oder London stattfanden, dann eine Reihe von Multimedia Roundtables mit der wir nach Cannes und NYC und L. A. gingen, sehr, sehr lustige Sachen oft.
Wir veranstalteten quasi Pseudo Streitgespräche über Themen, leider ist nur sehr wenig in Video erhalten.
Fans schicken mit manchmal überraschenderweise kleine Schnipsel.  
Der Idea Prozessor (siehe Macnewspaper 8/2004), den ich öffentlich sehr selten gezeigt habe, war eigentlich nur für Douglas gedacht, als neuer Ansatz zu schreiben und dabei viele Ideen nebenbei aufschreiben zu können.
Wir hatten viele Ideen, die ich schlecht bei Meta unterbringen konnte (eh schon zu viele apps da, Poser, Painter, infiniD, Raydream, Bryce, KPT und viele kleine mehr … ) – und auch manches noch vorzeitig: Das Web hatte gerade erst begonnen, und sein Versuch, h2g2 zu machen, war eigentlich Wikipedia, nur 6 oder 7 Jahre zu früh. 

Ca. 1996 kam dann das Thema für ihn auf, den Hitchhiker Movie doch in ganz groß in Hollywood zu machen, eine lange Reihe von Meetings mit Disney und anderen Studios bewegten ihn dann zum Entschluss, nach L. A. zu ziehen (wo er schon einmal gewohnt hatte). Als es Ernst wurde schubste ich ihn aber noch´n bisschen um, statt in den Hexenkessel L. A. doch lieber in das wunderschöne kleinen Städtchen Santa Barbara zu ziehen. Da er auch mit Frau und Kind kam, machte es schon Sinn – so war er nur ein paar Strassen weiter neben uns.  
Der Film selbst wurde allerdings zu einer sehr traurigen Farce: das Drehbuch wurde hin und her und quer geschubst, man zahlte ihm zwar auch einige Millionen, aber dann lag es wieder auf Eis, oder noch schlimmer: ihm wurden vom Studio „Hilfsschreiber“ untergejubelt, die ihn unterstützen sollten das ganze „filmgerecht passend“ zu machen.  

Jay Roach, der Austin Powers gerade sehr erfolgreich hinter sich hatte, wollte Regisseur sein, und da gabs dann viele Dinner und Brainstormings, aber letztlich hat auch er sich aus dem Projekt zurückgezogen (Jay Roach ist Produzent der jetzt begonnenen Verfilmung, siehe Macnewspaper 8).
Zwischendurch, nachdem Douglas hautnah meinen Werdegang mit Meta durchgemacht hatte und auch bei Projekten wie der CD ROM mit Stephen Hawking über Alien Life mitmachen wollte, gründete er auch eine Firma in London, Digital Village. Alan Kay und andere waren mit mir im Aufsichtsrat (die Webseiten gibts immer noch, sehr seltsam – mit einigen guten Texten von DNA damals … ) und der Präsident dort war Robbie, der jetzt Produzent des Films ist.
Ein sehr lieber Mann, muss ich sagen, und auch das er Douglas viele Jahre gut kannte und sich sehr Mühe geben wird mit dem Film. Ob das allerdings reicht wird man noch sehen müssen, ich bin in einigen Wochen dort und sehe mir das Set mal an. Ich selbst hätte auch schwere Zweifel, ob ich meine eigene Arbeit oder Schriften durch andere, auch gute und liebe Freunde, einfach so extrapoliert sehen wollen würde …

Er hat jedenfalls niemals damit gerechnet bald zu sterben, mit 49 hatte er auch eigentlich keinen Anlass dafür. Paradox ist dann eben, dass er buchstäblich beim Gesundheitstraining nach Gewichtstemmen liegen blieb, zuhause. Wenige Stunden danach war meine Freundin vor Ort und kümmerte sich um die Familie und das Begräbnis. Ich saß hier in den alten Mauern und tippte die Nachricht an ungläubige Freunde aus seinem Addressbook … Wenige Tage danach gab es ein kleines Memorial in Santa Barbara, und ich erinnere mich noch an die absolut surreale Szene in seinem Arbeitszimmer zu sitzen: die Maschine noch an, sein geliebtes Cinema Display randvoll mit kleinen Tools und Icons (er war da ein irre Chaotiker – wunderbar) und alles war, als wäre er lediglich mal eben aufs Klo gegangen…

Das große Begräbnis fand dann in London statt, in der grossen Kirche trotz seines ringenden Bittens agnostisch NICHT dort zu sein – und plötzlich kamen hunderte von Leuten zum Vorschein, die alle immer schon gut Freund gewesen sein wollten. Trotz allem war es ein schönes Ereignis. Dave (Gilmour) spielte akustisch „Wish you were here“, das hätte ihm sicher gefallen.

Schade ist, das er nie mehr die Chance bekam, sich über die alten Hitchhiker Kult Dinge neu zu erfinden, denn er hatte inzwischen fast eine Hassliebe zu den 5 Büchern, die ihn letztlich in keiner Weise wirklich repräsentieren.

Dabei sind auch die kleineren unbekannteren wie „Last Chance to See“ so wunderbar. Ich hab es auch als Hörbuch hier, und ab und zu in Shuffle Mode, kommt dann plötzlich ein Kapitel mit seiner Stimme gelesen und ich zucke zusammen – es ist, als ob er dann neben mir sitzt und mich angrinst.
Er war sicherlich einer der ganz besonderen und sehr eigenen genau definierten Persönlichkeiten, so wie es sie nur sehr selten gibt. Ein Individuum in jeglicher Hinsicht. Und seine Fingerabdrücke auf diesem Planeten werden überall noch lange zu finden sein. Schade, das es durch die Sprache dann hier in Deutschland selten mehr als Kult Status geben konnte, oft kamen mir die übersetzten Texte zu „lustig“ und slapsticky vor. Ich kann nur den guten Tipp geben, sich die Originale noch mal zu suchen: die kleinen Taschenbücher 1 -5 haben skurrile Bilder von 42 fliegenden Bällen drauf. Die hat Douglas damals mit mir in Bryce gebastelt, mit viel, viel Freude und Lachen hatte er es dann endlich hingekriegt, das diese Bälle auf zweiundvierzig Arten und Weisen die Zahl 42 darstellen, in Farbe octal, binär, diagonal und sonstwie codiert.  
Wie genau, das dürfte nicht das einzige Geheimnis sein, das Douglas Noel Adams mit einem Schmunzeln im Himmel bewahrt, an den er so gar nicht glauben wollte. 
Man könnte schon fast anfangen beten zu wollen, dass er sich da wenigstens einmal irrte… Wenn es einen Himmel gibt, dann ist er jedenfalls dort – verdient hätte er es : )
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Mausmalereien

Mein Kollege bei der MacLife, Ronald Puhle, testet gerade die neue Version des eigenartigen Programms Artmatic, und präsentiert erste Ergebnisse auf seiner Webseite. Der Entwickler Eric Wenger ist ein „alter Hase“ der Grafikszene – die Software Bryce entspringt seiner Tastatur.

Artmatic ist, grob gesagt, ein Grafik-Synthesizer, bei dem man Filter und Funktionen in einer Baumstruktur verknüpfen kann. Unendlich komplex, aber auch unendlich faszinierend, wie man auf Ronalds Seite sehen kann. Das Programm gibt es allerdings nur für Rechner mit dem angebissenen Apfel.

Ich betrachte meine Software-Kreationen als eine Kunstform, nicht als ein Produkt, das irgendwelchen GUI-Richtlinien folgen sollte.
Eric Wenger
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Das Autoren-Trinkspiel (Mitsu zu gewinnen)

Gibt es eigentlich eine passende deutsche Entsprechung zum Wörtchen „hilarious"? Die Übersetzungen bei Leo sind m. E. alle knapp oder weit daneben.
Wie auch immer, dieser Fred ist hilarious. Es geht um die Eigenheiten mancher Autoren, und daraus wurde das „Drinking Game“ geboren, bei dem für jede typische „Macke“ ein Getränk fällig ist. Bei Harry Potter natürlich nur antialkoholische.

Ein besonders schönes Beispiel:

The Haruki Murakami drinking game
(note: I. Love. Murakami.)

- Protagonist/protagonist's friend/sister/co-worker/grandmother goes to see a prostitute - 1 sip
- Protagonist has a beer - 1 sip
- Protagonist listens to classical music - 1 drink
- Protagonist muses on women's ears - 2 drinks
- Someone has pasta for lunch - 2 drinks
- A powerful right-wing figure does something bad - 2 drinks
- Sheep-Man appears - celebrate with a drink of Cutty Sark!
- Someone's hair changes colour - drink everything in sight to avoid the heebie-jeebies, because Haruki Murakami can be a really frightening writer sometimes!

Ich frage mich jetzt natürlich, wie das bei mir aussehen würde?
Ein schönes Thema für ein Gewinnspiel: für den besten Vorschlag gibt es ein signiertes Exemplar von „Mein Leben mit Mitsu“ frei Haus! Die Jury wird rein subjektiv entscheiden, ich habe ein Vetorecht, und Juristen und/oder Rechtsansprüche müssen draußen bleiben.
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Ins Netz gegangen

Wer bisher recht abschätzig das Phänomen „bloggen“ belächelt hat, wird spätestens jetzt mit einem gefrierenden Grinsen leben müssen.

Kurz nachdem eine der Bloggerinen der Riesenmaschine, Kathrin Passig, Bachmann- und Publikumspreis abräumte, wurde Katharina Borchert (Lyssas Lounge) als stellvertretende Chefredakteurin von der WAZ berufen, um das allgemein anerkannt verstaubte Webangebot zu erfrischen. Die Zauberformel heißt Web 2.0, womit sich die Next Economy zunehmend schmückt. Soziale Plattformen boomen, sogar die SingleBusiness-Plattform openBC leistet sich ein Blog, in dem locker alle Themen beplaudert werden, die aber auch so gar niemanden interessieren.

Blogs sind angekommen, diese Mischung aus privater Selbstdarstellung, Journalismus und kontinuierlicher Abarbeit von Zukunfts- und sonstigen Themen. Die Blogosphäre löst das ein, was das Cluetrain-Manifest ursprünglich der New Economy mit auf den Weg geben wollte: Eine Fokussierung auf den Menschen, als moralische und zentrale Instanz, die sich von den geschlossenen, einseitig kommunizierenden Unternehmensphilosophien radikal unterscheidet. Die New Economy hat im Venture Capital Rausch diese Chance nicht wahrnehmen können, die Next Economy versucht es wenigstens.

Aber die Frage muss diskutiert werden und könnte entscheidend sein: wie verändert sich das Bloggen, das bisher eher Untergrund war, durch die Übernahme der Medien? Passig und der ZIA ist es gelungen, das Spiel umzudrehen. Sie wurde nicht vom Literaturbetrieb vereinnahmt (obwohl es versucht wurde), sondern das Gesamtkunstwerk aus Text, Video und Präsentation sprengte den sich selbst feiernden Betrieb. Die Gegenreaktion der Juroren, die das wohl witterten und die weiteren Preise an altgediente Literaten verteilten, spielte keine Rolle mehr und wurde eher kopfschüttelnd zur Kenntnis genommen.

Die schwierigere Aufgabe hat Katharina Borchert. Sie muss ein Geschäftsmodell für das Bloggen erfinden – ohne das anarchische Moment der Blogs in eine rein durchkommerzialisierte Form zu gießen. Sie wird es meiner Meinung nach schaffen, bzw. ist sie die richtige Menschin an der richtigen Stelle. Aber beneiden – kann man sie nicht.

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Auf nach Paris

Ok, die Rubrik BerlinLeben passt nicht so ganz. Aber immer noch am Besten.

Wer mich ein bisschen kennt weiß, dass Paris die Stadt ist, in der ich irgendwann leben möchte. Und ich war ja auch schon kurz da, bevor ich mich für Berlin entschied. Heute gab es aber eine Nachricht, die den Traum wieder etwas realistischer werden lässt: es ist geplant, ein flächendeckendes, kostenloses WI-FI-Stadtnetz einzurichten. Von 400 Hotspots ist die Rede, in Parks, Bibliotheken und auf Plätzen. Sogar ein ganzes Stadtviertel soll „bestrahlt“ werden. Und das Ganze soll schon nächstes Jahr passieren.

Paris, ich komme ...

Hier geht es zur Nachricht in der Computerwoche.
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Amazon-Ranking entschlüsselt

Schön wärs. Wenn jemand weiß, wie das Ganze funktioniert – bitte melden und alle ratlosen Autoren erlösen (die Frage taucht in diversen Foren immer wieder auf).

Einiges ist ja bekannt: Der Rang ist relativ zu den Verkaufszahlen, und beinhaltet irgendeinen esoterischen Code, der die Verkaufsentwicklung mit einberechnet. Amazon selbst gibt auch eine unterschiedliche Aktualisierung des Ranges an: je besser der Rang, umso öfter wird neu berechnet. Aber wie wenig zuverlässig und absehbar das abläuft sieht man gerade an meinem Buch „Mein Leben mit Mitsu“, das in den letzten Tagen teilweise auf unter 8.000 hüpfte, um dann so ca. alle zwei Stunden wieder einige tausend Plätze abzurutschen.

Nicht, dass es unbedingt wichtig wäre – aber das Amazon-Ranking gehört definitiv zu den großen ungelösten Rätseln des Internets.
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Wohnraumlesung bei Peter Glaser



Bereits am 3.6.2006 fand die letzte Wohnraumlesung bei Peter Glaser statt. Sechs Besucher, eine Radioreporterin vom Kulturradio Berlin und die Veranstalterin Petra Köster-Weschke (Literatur in Kontakt) waren die Gäste bei Glasers und ihren vier reizenden Katzen, die ergänzend für unterhaltsame Zwischeneinlagen sorgten. Da ich an diesem Tag wohnungslesungsfrei hatte konnte ich ebenfalls teilnehmen, und es wurde ein denkwürdiger Abend. Wer Peter Glaser kennt wird wissen, dass die angesetzten zwei Stunden bei weitem nicht ausreichten. Es wurde spät, Erzählungen und Geschichten, viele Fragen, noch mehr Antworten. Am Ende blieb der Wunsch, dass es nicht der letzte Abend dieser Art sein würde.



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Verlag - Innenansichten



Schriftsteller sind rätselhafte Menschen. Aber die schreiben wenigstens Bücher. Eine noch rätselhaftere Gattung, über die man nur wenig erfährt, ist der Verleger. Was bewegt einen ansonsten vernünftig wirkenden Menschen, einen Verlag zu gründen?
Was sind seine Gedanken und die täglichen Herausforderungen dieser Branche? Der charismatische Kopf des Brandneu-Verlages, Christian Arzberger, führt seit kurzer Zeit ein Weblog, in dem man Internas, Unausgesprochenes und (un-)Alltägliches über die Welt des Büchermachens erfährt. Vielleicht liegt es daran, dass der Mann eben nicht „nur“ Verleger, sondern auch Schriftsteller ist.

Sehr zu empfehlen!

[Update: Weblog ist inzwischen gelöscht.]
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Eine Maus bleibt eine Maus

Es kommt im Leben einer Maus der Zeitpunkt, da ihre Barthaare zittern und sie spürt, dass sich etwas verändert hat. Dass es Zeit ist für etwas Neues und sie weiter ziehen muss. Spätestens dann, wenn kein Käse mehr im Kühlschrank ist oder die Katzen vor dem Mauseloch lauern. Oder beides. Vielleicht mache ich mich auf nach Machwo, um im „Fröhlichen Elchen“ unterzutauchen. Dort treffe ich bestimmt Milena, Peter den Bürgermeister und die ganzen anderen verrückten Menschen in diesem schönen Dorf mit seinen zwei Seen und der Radiosendung „Guten Morgen Machwo“. Ich denke wehmütig zurück an meine Reisen auf den Apfelplaneten, Frau Oh, an Pinguine, Nächte in Shanghai und heiße Liebschaften in Berlin, aber auch an die wenigen Höhepunkte in meiner kurzen Zeit als Reporter.

Wie an die letzte Veranstaltung von Gott. Er hielt, leger elegant im schwarzen Rolli, eine seiner berüchtigten Keynotes vor den Engeln und erklärte, was für Updates und Neuentwicklungen er für die Welt geplant hatte. Das Beste hielt er sich, wie immer, für den Schluss auf: „one more thing“. Das waren immer tolle Sachen wie Gravitation, Planetensystem, schwarze Löcher oder iPods. Dieses Mal war aber alles anders. Er machte eine längere Pause, sein linker Mundwinkel hob sich zu einem süffisanten Grinsen, und er stellte vor: „die Frau“. Ein Raunen ging durch die Menge. „Wir sind vom Modell Mann einfach enttäuscht, es ist immer noch nicht bei drei Gedanken in der Minute angekommen, und es verbraucht einfach zu viel Bier pro Takt.“ Leicht zustimmender Beifall. „Und wir haben vorgearbeitet. Während wir Mann weiter pflegten, haben wir für Frau das Betriebssystem parallel entwickelt. Wir nennen das Übersetzungsprogramm „Muschili“, und alle Gedanken von Mann funktionieren schon jetzt auf Frau.“ Erstaunen im Publikum. „Aber das Beste ist“, fuhr Gott fort und rieb sich seinen Dreitagebart, „bis zum nächsten Jahr haben wir die komplette Produktlinie auf Frau umgestellt.“ Ein erster Begeisterungssturm fegte durch die Halle, Federn flatterten über den Köpfen. „Aber das ist noch nicht alles. Die erste Frau ist genau jetzt verfügbar – zwei Attribute für pure Leistung, kein Kabel, über das man stolpern kann, und schlanker ist es auch noch.“ Nun kannte das Publikum kein Halten mehr. Tosender Applaus, Hochrufe, einige Engel in der ersten Reihe sanken ohnmächtig zusammen. Gott verneigte sich, lächelte charmant, warf einige Heiligenscheine in die Menge und verschwand in seinem schwarzen Mercedes.

Ich seufze, als das Telefon mich aus meinen Erinnerungen reißt.
„Maus?“ Ich erkenne die zornesbebende Stimme des Verlagsleiters.
„Ja?“
„Es gibt Beschwerden.“
„Ach?“
„Du hast schon wieder Frauen mit Computern verglichen.“
„Nein, würde ich nie.“
Pause.
„Frauen sind viel komplizierter als Computer“, füge ich hinzu, „und außerdem sind die Abstürze schlimmer.“
Pause.
„Chef?“
Im Hörer tutet es. Er hat aufgelegt. Ich überlege, ob ich mal wieder etwas Falsches gesagt habe. Nun ja. Frauen sind Frauen, Männer sind Männer, und Computer sind nun mal Computer. Aber ich bin mir sicher, Gott hätte mich verstanden. Ich öffne ein Bier und proste ihm zu. Schließe meinen Computer und schaue lange das kleine pulsierende Licht an.
Vielleicht finde ich im Kühlschrank doch noch ein Stück Käse. Wenn ich Glück habe ein Stück Emmentaler. Und mit den Katzen werde ich auch irgendwie fertig. Schließlich bleibt am Ende eine Maus doch immer eine Maus.

Euer Marc Maus


Die Marc Maus-Kolumnen erschienen monatlich in der Zeitschrift MacLife. Die Gründe, warum ich sie unter Pseudonym veröffentlichte, sind mir nicht mehr bekannt. Und waren wahrscheinlich unwichtig.
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Im Schatten des Flügelschlags

Es war schon September, als ich Pinguin wieder traf. Er hatte ebenfalls beschlossen, seine wenigen Sachen zu packen und aufzubrechen. Zuerst fuhr er nach Norwegen, was ein großartiges Land für frischen Fisch ist, aber ansonsten ziemlich leer wirkt. Also fuhr er wieder zurück, genoss gute Nudeln in Rom, begann aber schnell den Regen zu vermissen. Er nahm den nächsten Zug nach Paris, kam mit Einbruch der Dunkelheit an, und jetzt stand er da in meiner Lieblingsbar, dem Quaimond, lauschte St. Germain und obskuren Miles Davis-Remixen. Er trank einen Glenfiddich nach dem anderen. Wir hatten immerhin bei Whisky den gleichen Geschmack. Er wankte schon leicht, aber als er mich erkannte hätte er wahrscheinlich, wenn er kein Pinguin gewesen wäre, breit gelächelt und einen Freudenschrei ausgestoßen. Er hätte das gleiche gemacht wie ich. Seit diesem Abend lebten wir wieder zusammen.

„Weißt Du warum sie mich verlassen hat?“
Ich schaute den Pinguin an. Der sagte nichts aber tat so, als ob er mich verstünde. Ich würde ihm wohl später etwas frischen Fisch geben. Forelle. Ich ging zum Kühlschrank, der erstaunlich aufgeräumt war. Was eine wohlwollende Umschreibung für „fast leer“ ist. Nur einige Dosen Bier und eine Forelle waren darin zu finden.
„Es ist gut, im Nichts zu sein.“ dachte ich.
Ich nahm den Fisch heraus, gab ihn dem Pinguin, schloss nachdrücklich die Kühlschranktür, setzte Wasser auf und rührte eine asiatische Nudelsuppe aus der Tüte zusammen. Das Licht in der Küche flackerte. Ich drehte an der Glühbirne und verbrannte mir die Finger. Ich ließ das Licht weiter flackern. Der Pinguin blieb bemerkenswert stoisch.
„Möchtest Du einen Eiswürfel haben? Dir ist bestimmt zu warm.“
Er schüttelte den Kopf.
„Gut, dann lass uns was essen.“
Wir aßen. Die Nudeln schmeckten nach Sesam. Immerhin. Ich versuchte an etwas zu denken, aber es gelang mir nicht. Es waren keine Bilder mehr da.
„Was für ein Tag ist heute?“
Irgendwann hatte ich vergessen, dass es Wochentage gibt. Jeder Tag war wie der andere, es machte einfach keinen Sinn sie zu benennen. Ich gab dem Pinguin eine Dose Bier. Er sah sie äußerst verständnislos an. Ich erklärte ihm, dass es gut sei, manchmal ein Bier zu trinken. Wenn es Nacht ist. Und der Kühlschrank fast leer. Der Pinguin schwieg. Es gibt kaum etwas Schlimmeres als ein Pinguin, der schweigt. Ich sah ihn lange an. Und begann ebenfalls zu schweigen.

Es war wieder morgen geworden. Zumindest war es hell draußen, und der Himmel bis auf eine kleine Wolke leer. Die Geräusche machten Ferien. Der Pinguin schlief noch und war nicht umgefallen. Pinguine sollen nämlich umfallen, wenn sie vom Dösen in den Tiefschlaf wechseln. Meiner tat das nie. Es musste noch ziemlich früh sein, und ich war nur aufgewacht, weil ich zu laut geschnarcht hatte. Es wäre gut, jetzt einen Kaffee zu machen. Wenn sich dieser Tag überhaupt lohnte. Aber ich würde irgendwann etwas tun müssen. Zum Beispiel den Kühlschrank auffüllen, der ja nun gänzlich leer war. Ich machte mir eine Liste für den Tag:
Kühlschrank auffüllen
Weiterschlafen
Pinguin füttern
Über Hamster nachdenken
Über Frauen nachdenken
Ergebnisse des Nachdenkens mit Pinguin besprechen
Das Telefonbuch weiter lesen.
Seitdem Pinguin da war hatte ich das mit den Postkarten aufgegeben und mich darauf konzentriert, uns das Telefonbuch vorzulesen. Ich war immerhin schon fast bei D angelangt. Und das in Paris. Ich las uns immer nur Namen und Nummern vor. Vielleicht würde eines Tages jemand kommen und sagen „Sie haben das Telefonbuch gelesen? Großartig, ich gebe Ihnen einen Job“. Langsam wurde das Geld knapp, ich konnte vielleicht noch zwei Monate so weiterleben. Höchstens.
„Wir können einfach weitermachen, nichts zu tun. Gar nicht so einfach, die Sinnlosigkeit zu akzeptieren“, sagte ich zu Pinguin.

Ich hatte eingekauft, Käse, Baguette, Rotwein und viele kleine Fische. Es wurde schon wieder dunkel. Ich las uns weiter aus dem Telefonbuch vor. Der Pinguin nickte verständnisvoll.
Ich unterbrach das Lesen und schaute ihn lange an.
„Ich glaube, wir sind jetzt wirklich angekommen.“

(Ausschnitt aus Im Schatten des Flügelschlags)
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Am Anfang war ...

... die Liebe zweier Menschen.

Nach neun Monaten die Worte „Ist das süß“. Das gibt sich mit den Jahren, glücklicherweise. Der ungeheure Vorteil, geboren zu sein, will nun genutzt werden.

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