Reise in das Herz der Geschichten

Andreas Altmann ist anders. Da ist ein Mensch, der reist mit seinem Mac durch die ganze Wirklichkeit, um für uns Geschichten und Erlebnisse zu sammeln. Nicht um uns wie Scheherazade, der berühmte Erzählerin der 1001 Nächte, an einem Ort festzuhalten, sondern den Leser in die Welt zu locken. Den ersten Schritt zu machen in das Abenteuer Leben. Er nimmt den Zug durch Indien, besucht heilige und verruchte Orte, sammelt Geschichten und kehrt mit zahllosen Fragmenten zurück: Texte, Erinnerungen, Gespräche, Notizen. Material, aus denen er seine Bücher webt. Wie zum Beispiel die Reise zu Fuß von Paris nach Berlin, ohne Geld.
Andreas Altmann ist jemand, der sich aufmacht um seine Geschichten zu erleben.
Dieser Artikel begann, wie so häufig, durch einen Zufall. Ich stöberte in meiner Lieblingsbuchhandlung, der ich bis auf 100 Bücher meine gesamte Bibliothek überlassen hatte, um danach auf Weltreise zu gehen. So war mein Plan gewesen. Statt dessen fand mich das Buch von Andreas Altmann „Notbremse nicht zu früh ziehen! – Mit dem Zug durch Indien“. Ich nahm es mit auf meine Zugreise nach Berlin, als Buch Nummer 101.

Erst Wochen später sollte mir das Foto auf Seite 8 auffallen, als ich mit einer mehr als schönen Frau, in die ich gerade unglücklich verliebt war, in einer großartigen Bar Mojitos vernichtete und ihr das Buch in die Hand drückte. Sie blätterte interessiert, bis ich ihr das Buch wieder ihren zarten Händen entwand – auf dem Foto war ein iBook zu erkennen. Natürlich nicht nur das iBook, sondern auch Altmann selbst, eine dünne Zigarre im Mund, lächelnd. Manchmal ist es eine Freude, für ein Macmagazin zu arbeiten, denn mir war sofort klar: über diesen Mann musste ich schreiben. Das iBook war der passende Aufhänger für die Geschichte. Ich kaufte Buch Nr. 102, „Einmal rundherum“, machte die üblichen Recherche und verfluchte wieder mein Bankkonto, das nach dem Abend mit der wunderschönen Frau praktisch nicht mehr existierte – und begann zu lesen. Es zog sich hin. Nicht, weil das Buch schlecht wäre, im Gegenteil – in beinahe jedem Absatz fand ich einen mir vertrauten Gedanken und schrie innerlich auf: „Ha, so verrückt wie alle sagen bin ich gar nicht, der ist noch viel verrückter“. Und vor allem verliebte ich mich in seine Sprache. In eine Sprache, die einen wach träumen und miterleben lässt.
Andreas Altmann gehört zu den Menschen, die nicht bloß abbilden, sondern mit ihren Texten die Wirklichkeit neu erfinden.

Die Reise

Bevor das Interview beginnt verdunkeln wir erst langsam den Raum, um ihn mit Bildern zu füllen. Wir sind im Speisewagen eines Zuges, rote, luxuriöse Sitze. Inzwischen haben Zeit und Reisende das Material brüchig gemacht, abgewetzt, mit Spuren beschrieben. Es ist Nacht, die Fensterscheiben sind Spiegel, wir sitzen uns gegenüber und lehnen uns zurück. Ich bin auf der Suche nach einer Geschichte. Die Geschichte des Mannes, der Geschichten findet. Wenn alles gut geht, dann verwandelt sich die Nacht in ein Geschenk. An das Wesentliche im Leben, an die Sehnsucht, Leidenschaft, dem Leben an sich.

Marcel Magis: Etwas ist mir besonders aufgefallen. Eine Art „Denken in Geschichten“, das mir sehr nah an Georg Stefan Troller zu sein scheint. Du lebst in Paris, ist das ein Hinweis, war Troller ein Vorbild für dich?

Andreas Altmann: Troller kenne ich von einem gemeinsamen Abendessen, von dem Mann kann jeder lernen. Vorbild im strengen Sinne war er nicht, da er hauptsächlich für TV arbeitet. Dieses Medium interessiert mich nicht. Mit meiner Entscheidung, in Paris zu leben, hat Troller nichts zu tun.

Marcel Magis: Ich entdecke bei dir eine große Sorgfalt für das einzelne Wort, und einen großen Hunger nach „Welt“, sie zu verstehen, vor allem dich in ihr. Das hat fast einen religiösen Charakter ...

Andreas Altmann: Nein, ich bin nicht religiös, eher auf der Hut vor den Gottsuchern. Man wird den Verdacht nicht los, dass die Besitzer ewiger Wahrheiten beschlossen haben, die Welt auf ewig mit ihren Anmaßungen heimzusuchen. Ich habe einen Freundschaftsvertrag mit der Erde, bin folglich hoffnungslos irdisch. „Das Schicksal des Menschen ist der Mensch“, sagt Brecht. Basta. – Sorgfalt mit Sprache? Das scheint mir das Mindeste für einen, der sich als Liebhaber der deutschen Sprache aufführt. – Und ich schreibe für jene, die ein sinnliches Vergnügen am Sprachelesen haben, an seiner Form. Natürlich muss der Inhalt genauso stimmen, sprich, mich, den Leser, inspirieren, bereichern, anspornen zu einem reicheren Leben.

Marcel Magis: Woher kommt deine Ruhelosigkeit? Sie ist nicht nur Äußeres, sondern auch Inneres. Deine Sprache wirkt oft gehetzt, als bliebe keine Zeit, und es gäbe nur ein weiter, weiter, immer weiter…

Andreas Altmann: Lass mich aus „Notbremse nicht zu früh ziehen“ zitieren, da gibt eine Situation, in der ich erkläre, warum ich leicht gehetzt mein Leben hinter mich bringe: „Die Sekretärin will mich auf die Wartebank ( „waiting bench“ ) schicken. Um nicht zu platzen, erzählte ich ihr in drei Sätzen meine Lebensgeschichte: Dass ich im Uterus meiner Mutter auf die Uhr schaute, sofort über die bereits vergangene Zeit erschrak und mich prompt für eine Sturzgeburt entschied. Dieses Gefühl des Stürzens hätte mich seitdem nicht verlassen, folglich wüsste ich nicht, was ich auf einer Wartebank zu suchen hätte. Die Geschichte – bis auf die Uhr ist sie vollkommen wahr – scheint ihr zu gefallen…“

Marcel Magis: Mein Eindruck ist, dass deine Geschichten manchmal zersplittert wirken.

Andreas Altmann: Nun denn, ich bin ein eher zerrissener Zeitgenosse, also durchaus Kind meiner Zeit.

Marcel Magis: Ist Schreiben für dich anstrengend, oder beflügelt dich die Lust an der gelungen Formulierung? Wann ist für dich der Text, die Geschichte abgeschlossen und „rund“?

Andreas Altmann: Beides, hundsgemein mühselig und natürlich Beflügelung, wenn ich denke, dieser Satz stimmt. – Abgeschlossen ist nie was, jeder Text kann besser geschrieben werden. Ich beende ein Buch nicht, ich lasse es los. Sonst kommt es nie zur Welt, sprich, erreicht nie den Leser.

Marcel Magis: Wann schreibst du, und welche Orte inspirieren dich? Viele Schriftsteller brauchen die Stille, viele bevorzugen ein Hotelzimmer, manche schreiben am liebsten in lauten Cafés, mit Stimmen im Hintergrund.

Andreas Altmann: Ich arbeite wie ein Maurer, ich fange in der Früh an und lege los, ich bin Handwerker, nicht Künstler. Wie ein Pornodarsteller bei „Kamera ab“ eine Erektion produzieren muss, so muss mein Schreiber-Hirn Wörter finden, die das Geld wert sind, die dafür bezahlt werden. – Stille, aber ja, ganz gleich wo. Ich trage sogar einen Gehörschutz, wie Lotsen am Flughafen. Wie ein Taucher versuche ich, in mein ozeanstilles Unbewusstes einzutauchen und mit ein paar schmucken Fundsachen zurückzukommen. – Cafés sind eine der größten Erfindungen der letzten tausend Jahre, dort lese, rauche und schreibe ich: Mails, Tagebuch, Notizen.

Marcel Magis: Manchmal findet man Sätze bei Dir, die sehr poetisch sind. Auf der nächsten Seite dann Sätze, die flappsig sind, umgangssprachlich - als fürchtest du zu viel Nähe.

Andreas Altmann: Na klar fürchte ich Nähe, wer nicht? Aber das hat nichts damit zu tun, dass ich bisweilen vom Hochdeutsch abweiche und woanders zulange. Einfach aus dem simplen Grund, dass durch diesen Akt die Sprache reicher wird.

Marcel Magis: Ein Thema zieht sich durch deine Bücher: der Ärger über Video/Filme/Fernsehen.

Andreas Altmann: Ärger über Filme? Nicht, dass ich wüsste. Aber Hohnkübel auf das träge Faultier vor der „caja idiota“, der Idiotenkiste, der seinen trägen Body von einer Sofaecke in die andere wälzt. Aber ja, unerschöpflicher Hohn.

Marcel Magis: Deine Biografie ist ebenfalls eine Reise durch verschiedene Berufe, Aufgaben, Lebenskonzepte. Mit dem Egon Erwin Kisch-Preis wurdest du „anerkannt“ – sind die realen Reisen eine Möglichkeit, der Festlegung wieder zu entkommen, frei zu werden?

Andreas Altmann: Ich weiß nicht, ob ich via Egon-Erwin-Kisch-Preis „anerkannt“ wurde. Der Schreiber ist immer so gut wie sein letztes Buch. – Ich habe keine Ideologie, um meine Freude am Reisen zu erklären. Das ist stur sinnlich, ich will auf und davon, abhauen, weg von der Vorhersehbarkeit eines abgekarteten Lebens.

Marcel Magis: Kann man mit dem Schreiben die Wirklichkeit neu erfinden, in dem man den Blick auf die Wirklichkeit verändert?

Andreas Altmann: Ich bin kein Schriftsteller, ich bin nicht Gott, ich erfinde Wirklichkeiten nicht neu. Ich interpretiere sie, ich will, dass der Leser dort hinsieht, wo ich hinsehe. Auch, wenn es wehtut.

Marcel Magis: Erotik und Schreiben – muss man als Schriftsteller ein wenig „manisch erotisch“ sein, verliebt und die Naivität des Verliebtseins kennen, um sinnlich schreiben zu können?

Andreas Altmann: Wäre ich Genie, dann nicht. Aber ich bin keins, also muss ich ein paar Sachen erlebt haben, um darüber berichten zu können.

Marcel Magis: „Zuversicht üben in das augenblickliche Leben“ - so zitierst du Herman Hesse, aber es könnte auch ein Lebensmotto, ein Vorhaben sein. War der Satz für dich auch ein „Motor“, um ohne Geld von Paris nach Berlin zu Fuß zu gehen?

Andreas Altmann: Natürlich muss Zuversicht da sein, aber es gab andere, nicht minder starke „Motoren“: Die Angst ranzig zu werden, deshalb immer wieder etwas zu finden versuchen, was nach vorne peitscht. Und: Geld verdienen müssen, nein, wollen. Und: Ein neues Buch veröffentlichen, die freudige Aussicht darauf. Und: Mich ausprobieren, wissen wollen, ob ich mich nicht übernommen habe.

Marcel Magis: Bist du ein guter Kerl? Oder magst du dich lieber als Halunke sehen, der frech, laut, trickreich ist und für eine gute Story seine Seele verkauft?

Andreas Altmann: Gut beobachtet, ja, eine gewisse Begabung zum Masochismus muss schon da sein, um sich derlei Schindereien aufzuladen. Siehe ein paar Zeilen aus „34 Tage / 33 Nächte“: „Die Entscheidung fiel umso leichter, als ich in der Tradition des jüdisch-christlichen Abendlandes erzogen worden war. „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen“, der Satz leuchtete mir auf Anhieb ein. Ich blieb immer das Gegenteil des eleganten, nie verschwitzten Hallodris, ich war immer Arbeiter, Schwitzer, Sünder….“ Ich bin gern beides, bisweilen der feine Kumpel, bisweilen der Typ, der nicht über Leichen geht, aber über Leichtverletzte, das schon.

Weiches Licht streut sich draußen in die Nacht und lässt eine Landschaft leuchten, die von Riesen davongezogen wird. Man bringt uns Tee und frisches Gebäck. Wir trinken schweigend, der Augenblick dehnt sich. Über das eine Thema haben wir noch nicht gesprochen. Es lässt ein Lächeln aufblitzen.

Marcel Magis: Du hast ein iBook auf deinen Reisen dabei. In „Einmal rundherum“ wird der Mac auch im Text genannt, und die Schwierigkeit, eine Steckdose zu finden. Welche Beziehung hast du zu deinem Mac?

Andreas Altmann: Die eines Verliebten. Jeder, der mit einem Mac arbeitet, tut das wohl aus dem innigen Verlangen nach Harmonie. Wenn ich mir die Blechschachteln von Toshiba oder Hewlett Packard anschaue, dann weiß ich wieder, warum ich mit ihnen nicht gesehen werden will. – Ich bin Waage, ich liebe die klaren Formen und Proportionen. Der Mac, der Wohnort Paris, das alles sind Vorlieben eines widerlichen Ästheten. Auch wahr: Einmal wurde mir in der mexikanischen Selva mein Vorgänger-Mac gestohlen. Das ist der Nachteil, wenn man so schön blitzende Dinge durch die Welt befördert.

Marcel Magis: Warum kein Notizbuch?

Andreas Altmann: Weil ich das Geschriebene hinterher lesen kann. Ich konnte meine eigene Handschrift nicht entziffern, das war einer der Gründe, um auf Computer umzustellen. (Manchmal habe ich Freunden gefaxt, was ich gestern notiert hatte. Sie sollten herausfinden, was da stand, ich konnte es nicht.) Da ich nun – ist das eitel? – das absolute Auge für Eleganz habe, blieb gar keine andere Wahl als Steve Jobs Geschenk an die Menschheit.

Marcel Magis: Eine Reise verändert den Blick auf die Heimat – was sind die positiven Eigenschaften der Deutschen, was liebst du hier?

Andreas Altmann: Neugierige Reisende sind neugierige Reisende, ob nun aus Berlin oder Timbuktu. Es ist immer die ungeheure Minderheit. Muss da gleich Liebe ausbrechen? Andrerseits: Die Phase des German Bashing habe ich bereits hinter mir.

Marcel Magis: Magst du Reisenden einen besonderen Rat mit auf den Weg geben?

Andreas Altmann: Stay hungry!

Inzwischen ist es wieder Tag, die Riesen ruhen von ihrer anstrengenden Arbeit aus. Mit einem erschöpften Schnaufen hält der Zug, Andreas Altmann steht auf, verabschiedet sich lässig, geht den Gang hinunter und steigt aus. Verschwindet auf dem Durcheinander am Bahnsteig. Ich bleibe sitzen. Mit einem lauten Klacken schließen sich die Türen, der Zug fährt an, nimmt mich mit. Ich bin wieder allein. Lasse den Tee zurückgehen und bestelle mir einen Mojito. Es tut gut, wieder unterwegs zu sein.



Leicht überarbeitete Fassung eines Interviews, das ursprünglich in der MacNewsPaper erschien.



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